Zurückzuverfolgen ist, dass der Hof 1825 von den Vorfahren der Familie Petersen, dem Ehepaar Franz-Jürgen und Margareth Rabelau (geborene Rappaul) gekauft worden ist. Der Rabeler-Hof betrieb, wie die anderen Höfe auch, eine vielseitige Bauernwirtschaft. Man baute Roggen, Gerste, Weizen, Hafer, früher auch Buchweizen, sowie Futterpflanzen und Kartoffeln an. Milchwirtschaft und Schweinezucht rundeten das Programm ab. Für den Eigenbedarf gab es einen Obst- und Gemüsegarten, Geflügel und Schafe. Die Pferde waren Arbeitspferde.

Die Rabelers sind der väterliche Zweig von Antjes Familie. Urgroßvater Henry Rabeler heiratete Dora Brusche. Deren einzige Tochter Hildegard, Antjes Großmutter, erbte den Hof und vermählte sich im Jahr 1933 mit dem Lehrer Rudolf Petersen, seither ist es also der Petersen-Hof. 1973 übernahm deren Sohn Jürgen-Peter Petersen den Hof seiner Eltern und übergab ihn 2008 seiner ältesten Tochter Antje.

Die größte Veränderung des Hofes begab sich wohl 1911, veranlasst von Jürgen Heinrich Rabeler, einem geistig beweglichen und allem neuen gegenüber aufgeschlossenen Landwirt. So errichtete er vor Kopf des alten, strohbedeckten eingeschossigen Niedersachsenhauses einen fast städtisch wirkenden zweigeschossigen Wohnbau in Ziegeln mit einigem dekorativen Fachwerk sowie einem hohen Zwerchgiebel.

Auszug aus einem Aufsatz "Kindheitserinnerungen an den Lemgraber Hof" von Gerhard Rabeler (verfasst etwa 1997):

Der Lemgraber Hof, den meine Eltern mit ihren Kindern alljährlich in den Sommerferien besuchten, war für mich Jungen eine Zauberwelt. Eine Unzahl von Einzelheiten und Begebenheiten ist mir auch heute noch lebendig in Erinnerung. Der Hof war mit einer halbhohen, grünlich schimmernden Findlingsmauer eingefasst. Durch die südliche Einfahrt schaute man auf das rundbogige Eingangstor im Giebel des alten, strohbedeckten Hauses. Durch das Tor gelangte man auf die große Diele, über der der Heuboden lag. Rechts befanden sich die Ställe der Kühe, links die der Pferde, die Kammern der Knechte und Mägde, die Milchkammer mit der unheimlich heulenden Zentrifuge und eine Futterkammer.

Zwei Türen führten in den Neubau, die linke in die neue Diele, die rechte in die Küche. Die neue Diele war mit Fliesen belegt, eine Treppe führte in die Obergeschosse, Türen öffneten sich zur "guten Stube", zum Speisezimmer, zum Schlafzimmer, alle in der alten Pracht bürgerlicher Repräsentation möbliert und kaum benutzt. Vorne befand sich ein kleines Büro mit handbetriebenem Telefon, das sogenannte blaue Zimmer. Hier wurden geschäftliche Gespräche geführt. Eine Kingeltür mit einer scheppernden Glocke öffnete sich zur rotbekiesten und sorgfältig geharkten Vorfahrt, zu der man einige Stufen hinabstieg. Gegenüber befand sich eine Sitzgruppe mit parkähnlichen Möbeln. Man wußte, was man sich schuldig war. Die geräumige Fläche zwischen dem Haus und den gegenüberliegenden Wirtschaftsgebäuden war und ist auch heute noch mit alten, hochstämmigen Eichen bestanden.

Die Küche war geräumig und hell. Unter einer Folge von Fenstern gab es eine riesige Spüle aus Zement und eine Pumpe mit gusseisernem Schwengel. Es gab einen ebenso riesigen, mit Holz geheizten Herd und einen mächtigen Tisch. Hier herrschte und hantierte Dora mit rastlosen Händen, unterstützt von einer Magd. Von hier aus überwachte sie den "innerern" Betrieb, während Richard für den "Außendienst" zuständig war. Das alles war bedeckt und umsummt von Schwärmen von Fliegen, die vom Hof her ständig Nachschub bekamen. Neben der Küche lag die "Leutestube". Auf dem Hof arbeiteten damals ein Großknecht und mehrere Kleinknechte, Jungen und Mägde. Ich ging als Junge gern in die Leutestube, wo es gemütlich zuging. Im Herbst kamen die polnischen Wanderarbeiterinnen, die sogenannten "Rübenmädchen", mit ihren bunten Kopftüchern. Sie halfen bei der Rüben- und Kartoffelernte und wurden in der Scheune untergebracht. Immer hatte man Sorge, die könnten die Scheune anzünden. Von der Küche führte eine Tür in den Hof. Man mußte ihn überqueren, um zum Klo zu gelangen. Es befand sich im Schweinehaus, das man Anfang der 20er Jahre aus Ziegeln errichtet hatte. So wurde die Jauche, die turnusmäßig abgepumpt wurde, auf's vorteilshafteste angereichert.

Von der Küche führte eine weitere Tür in die "Stube", dem alltäglichen Aufenthalts- und Speiseraum der Familie. Zu den Mahlzeiten gruppierte man sich in strenger Sitzordnung um den großen Tisch. Am einen Tischende saßen die Kinder, am enderen Ende der Hausherr. Die Gäste wurden nach Rang und Namen eingeordnet, allen voran Pastor Hofmeister mit langem Bart, der das Wort mit dröhnendem Pathos zu verkünden pflegte. Es kamen der Gendarm, später Landjäger genannt, der Mann vom Herdbuch und der Milchkontrolleur, gelegentlich auch der Saatguthändler Petersen, dessen Frau ein starkes, offenes Herz hatte. Es kamen die Verwandten aus Kassel und Salzhausen, öfters auch Doras kinderlose Schwester Erna aus Dumstorf mit ihrem Mann "Onkel Somann", der ein schweigsamer Zuhörer war. Er hatte die Angewohnheit ständig vor sich hin zu brummen, weshalb Hilde mich unter dem Tisch erneut kniff.

Sie alle taten sich an der guten Lemgraber Kost gütlich. Von der Decke hing ein halbes Dutzend Fliegentüten und wenn eine Gesprächspause eintrat, hörte man das verzweifelte Sirren der festgeleimten Insekten. Für mich gab es nichts köstlicheres als die Lemgraber Würste und Schinken. Da waren die grauen Ovale der leicht geräucherten, streichfähigen Leberwurst, die in Leinenbeutel gefüllte, geräucherte und getrocknete Mettwurst, die sogenannte "Büdelwost" und die herrliche geräucherte Blutwurst. Eine weiche Blutwurst, die sogenannte "Porrwurst" gab es in Gläsern und Dosen. Der Schinkenspeck wurde fein gewürfelt aufs Brot gelegt. Für die Kinder gab es Buttermilch, in der noch Butterstückchen schwammen. Es wurde von Hand gebuttert. Noch heute habe ich das schnalzende, schmatzende, schlürfende Geräusch in den Ohren.

Um in den geheimnisvollsten Raum im Hause zu gelangen, mußte man über eine steile Treppe vom Obergeschoß in den Dachboden steigen. Man durchschritt die geschwärzte Räucherkammer, von deren ...

... Text folgt